Kapitel 23: Zwischen Smog und Androiden

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Die Überfahrt nach China (11.September 2005)

Während der Großteil des Teams mit dem Fischkutter heimlich nach China übersetzte und dabei allerhand aufregende Momente erlebte, verlief die Reise für Kenshin recht ereignislos. Man hatte ihn, nachdem seine Aufgaben im Dienste des Militärs erledigt waren, an Bord eines Frachters gebracht, wo er die Überfahrt in einer kleinen Mannschaftskajüte verbrachte. Allerdings hatte dieses Schiff lebende Schweine als Ladung. Der Geruch tat nur in den ersten 12 Stunden der Reise in den Augen weh …

Zielhafen war, wie auch beim Schiff des restlichen Teams, zunächst eine China vorgelagerte Insel. Von dort aus würde man gemeinsam ein anderes Schiff bis zum Festland besteigen. Das Wiedersehen am Kai der winzigen Hafenstadt fiel recht knapp aus und nachdem jeder sein mit dem Soldaten gereistes Gepäck entgegen genommen hatte, verschwendete man keine Zeit und bestieg das Schiff zum Festland. Einen weiteren Tierfrachter, welcher diesmal Schafe in rauen Mengen an Bord hatte. Kenshin entschied sich dafür von nun an seine Kräfte zu verbergen und „fuhr sich herunter“. Kurz wurde noch besprochen wie man vorgehen sollte, wenn man China selbst erreichte.

Identitätskrise

Manuel hatte sich mittels eines von ihm gebauten, technischen Gerätes in einen jungen, unauffälligen, etwas nerdigen Teenager amerikanischer Herkunft verwandelt, dessen Persona er Anthony Wyndham nannte. Esther wollte vorgeben Chloe Bennet zu sein, eine Reiseverkehrskauffrau aus Amerika.

Hikari und Kenshin entschieden sich dafür ein Pärchen auf einer Rundreise darzustellen. Die jüngere Japanerin stellte eine Krankenschwester namens Susan Takeshi dar, die den erblindeten Kenshin im Krankenhaus kennengelernt hatte. Der Soldat entschied sich für den Namen Alexander Takei.

Man kam überein, das sich die Tarnidentitäten auf der Reise kennengelernt und beschlossen hatten gemeinsam die eh angestrebte Rundreise zu vollenden. Auch der Söldner Hidana hatte bereits einen Decknamen parat. Derweil fiel auf, das kaum jemand daran gedacht hatte die nötigen Papiere für einen Aufenthalt in China zu besorgen. Amerikanische Pässe, Visa, etc. Lediglich Manuel hatte sich entsprechende Gedanken gemacht und Esthers echten Ausweis als Vorlage verwendet, um in der Lage zu sein, naturgetreue „Fälschungen“ der nötigen Dokumente zu kreieren. Diese würden zwar immer nur ein paar Stunden halten, aber für eine Kontrolle würde es reichen.

Fail Theft Auto

Hidana hatte dafür gesorgt, das im Zielhafen, einem winzigen, verschlafenen Fischerdorf an der Küste, ein fahrbarer Untersatz auf sie wartete. Wobei sich herausstellte, das die lokalen Autoschieber wohl eine andere Auffassung von „fahrbar“ hatten, als ihr Auftraggeber. Der Wagen war eine Rostlaube, die kaum ansprang und auch sonst nicht den Eindruck machte, die doch recht weite Reise ins Landesinnere überstehen zu können. Hidana widersprach Manuel erst, als dieser den Wagen vor der Fahrt reparieren wollte, aber ein Startversuch endete in einem lauten Knall, gefolgt von dunklen Rauchschwaden, die aus der Motorhaube quollen. Also schob man die Karre gemeinsam in eine, nach angemessener Bezahlung von den Bauern zur Verfügung gestellte, Scheune. Nach einigen Stunden Arbeit, vor allem von Manuel unter Hilfestellung von Hidanaund großem Interesse von Hikari, wurde das Vehikel zumindest für fahrtauglich erklärt und so startete man die Reise ins Landesinnere am frühen Morgen des nächsten Tages.

On the Road

Während der Fahrt gab es außer Landschaft nicht viel zu sehen und so verbrachte man einen Großteil der Zeit damit die gemeinsame Geschichte abzustimmen und sich an die neue Namensgebung zu gewöhnen. Manuel verbrachte die meiste Zeit damit, in seinem E-Book-Reader irgendetwas zu lesen. Ab und an machte man Rast an dafür ausgeschriebenen Autohöfen. An diesen zog die Gruppe zwar einige Neugierige Blicke auf sich, jedoch nichts was ungebührlich schien. Hikari hatte jedoch leichte Adaptionsprobleme mit den ungewohnten sanitären Anlagen. Es gab keine gesonderten Toiletten-Schuhe und auch wenn alles sauber und rein war, so konnte sie nicht umher dem Ganzen mit einem gewissen Ekel gegenüber zu stehen. Nachdem man sich mit etwas zu Essen und Trinken versorgt hatte, ging die Fahrt weiter.

Nach einer Weile versuchte Kenshin die Zeit zu nutzen und sprach Esther etwas unbeholfen auf ihre Affäre mit O'Kage an. Die Südafrikanerin war überrascht und ziemlich überrumpelt angesichts des Zeitpunktes, den Kenshin für so ein persönliches Gespräch wählte. Sie wusste nicht recht, was sie auf Kenshins Frage nach ihrem Gefühlswechsel für O'Kage antworten sollte. Sie erklärte ihm, dass der erste Eindruck eines Menschen oft täuschen kann und sie nun etwas Zeit hatte, O'Kage besser kennenzulernen, einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Ihr gegenüber verhielt O'Kage sich schlussendlich auch anders als den Leuten in der Öffentlichkeit gegenüber. Esther machte klar, das sie und O'Kage keine Beziehung haben, sondern dass es eher ein lockeres Arrangement ohne Verpflichtungen ist. Eine Beziehung konnte sich keiner von beiden leisten, zumal O'Kages oberste Priorität Japan war. Das würde immer zwischen ihnen stehen. Daraufhin akzeptierte Kenshin die Umstände schließlich und ließ die Sache auf sich beruhen. Die gesamte Kommunikation ging telepathisch von Statten, so dass die restlichen Insassen des Wagens nichts davon mitbekamen.

Eins, Zwei, Polizei

Nach einigen weiteren Stunden Fahrt gelangte man an eine Verkehrskontrolle und viele im Fahrzeug wurden sichtlich nervös. Einzig Hidana und Kenshin blieben ruhig und versuchten die Anderen ebenfalls zu beruhigen. Manuel fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass die Papiere „erzeugt“ werden mussten. Als dann zwei Uniformierte an den Wagen traten und die Herausgabe eben dieser verlangten, hatte der junge Filipino bereits für passende Schriftstücke gesorgt. Einer der Beamten wollte einen Blick auf die Ladefläche des Pickups und das Gepäck der Reisegruppe werfen, was zunächst bejaht wurde. Doch dann erinnerte sich Esther dass in ihrem Koffer ja auch ihre Handfeuerwaffe ruhte. Zwar nur eine kleine Kaliber 6mm Pistole, doch würde sie diese kaum erklären können. Erneut schaffte Manuel es die Situation zu retten, indem er sich anbot die Koffer zu öffnen und die Waffe kurzerhand in eine Socke verwandelte, sobald er sie im Blick hatte. Auch diese Verwandlung würde nur ein paar Stunden halten, so dass die Waffe im Ernstfall wieder zur Verfügung stehen würde.

Schließlich geriet auch der ansonsten recht souverän agierende Hidana doch noch ins Stocken als auf seine Angaben hin, ein Mietvertrag des Wagens verlangt wurde. Diesmal war es an Esther die Situation zu retten. Sie drückte dem Beamten irgendeinen Wisch aus dem Handschuhfach in die Hand und überzeugte ihn mittels ihrer Fähigkeiten, das dies ein gültiger Mietvertrag war.

Das Team atmete erleichtert auf, als man sie dann ohne viel Aufhebens weiterfahren lies.

Big Brother is watching you

Was die Nova-Spione jedoch nicht bemerkten war, dass in etwa 100 Metern Höhe, eine schwarz gekleidete, behelmte Gestalt über der Absperrung schwebte und alles beobachtete. Nachdem das Auto der Gruppe sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, flog sie hinter her.

Ankunft in Zhengzhou

Nach einige weiteren Stunden fahrt kam man schließlich an frühen Abend in Zhengzhou an und war überrascht von der ungewöhnlich veralteten Bauweise der Häuser dort. Die Stadt versprühte den klassischen Kommunismus-Charme der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Auch das Hotel, welches im Reiseführer als gehobene Mittelklasse angepriesen wurde und durchaus als gut bewertet wurde, stellte sich als reichlich veraltet heraus. Und die wuselnden Mitbewohner im Teppich veranlassten Hikari und Esther dazu einen Ortswechsel am nächsten Morgen zu verlangen! Auch Manuel war bass erstaunt, als man ihm eröffnete das, das Haus lediglich über eine 56k Modem Verbindung verfügte. Aber, zum Glück hatte er einen Minicomputer dabei, welcher per Sat-Verbindung Daten beziehen konnte. Als erstes berief man eine Lagebesprechung in einem der Zimmer ein. Kenshin und Hikari hatten ein Doppelzimmer gewählt, da sie ja ein Paar darstellten.

Man kam schließlich überein, das man Teams bilden würde, um die vermuteten Aufenthaltsorte des Professors möglichst effektiv am nächsten Tag absuchen zu können, bzw. mehr über ihn in Erfahrung zu bringen.

Esther und Manuel würden eine Tochterfirma der Mihei Corporation - Shé zhìyào - übernehmen, die im High-Tech Sektor der Stadt lag.

Hikari und Kenshin würden zunächst versuchen bei der Einwohnermeldestelle Erkundigungen einzuholen und sich später in einer von japanischen Emigranten bewohnten Gated Community umsehen, in der man den Wohnsitz des Professors und seiner Familie vermutete.

Hidana würde sich die Industrieanlage von Mihei etwas nördlich der Stadt ansehen und dort nach Spuren suchen.

Der vierte mögliche Ort, der Sky Tower, in dem die Mihei Corporation nach Hidanas und Manuels Nachforschungen eine Etage besaß, sowie die Verwaltungszentrale als fünfter Ort, wurden zunächst von der Observation ausgeschlossen.

Man machte auch Notfalltreffpunkte und Phrasen aus, für den Fall das etwas schief liefe. Dabei wählte man: „Es ist alles in bester Ordnung.“, als Zeichen dafür das etwas falsch gelaufen war und der Einsatz abgebrochen werden musste und „Hast Du an meine Digitalkammera gedacht.“ als Zeichen für „Alles in bester Ordnung.“

Die Notfalltreffpunkte waren ein Restaurant im Aluminium-Hafen, ein Museum und ein Kinofoyer, in diese Reihenfolge in bestimmten Zeitfenstern. Sollte man 24 Stunden nichts von den anderen Teams hören galt der Auftrag als gescheitert und es galt der Befehl zur sofortingen Rückkehr nach Japan für alle Beteiligten.

Spione wie wir (12.September 2005)

Träumen Androiden von virtuellen Müttern?

Am nächsten Morgen machte man sich getrennt von einander, mittels öffentlicher Verkehrsmittel, auf zu den jeweiligen Zielen. Zunächst gingen Hikari und Kenshin auf typisch touristische Art und Weise shoppen, um eventuelle Verfolger zu verwirren. Wobei die junge Kindergärtnerin ihrer echten Begeisterung freien Lauf ließ, da sie ja in der Tat das erste Mal ausserhalb von Japan war. Schon bald war der Soldat mit allerlei Tüten voller Andenken bepackt. Sie einigten sich darauf im Einwohnermeldeamt vorzugeben, auf der Suche nach dem vor einiger Zeit ausgewanderten Bruder von der verstorbenen Mutter von Kenshins Tarnidentität zu sein.

Als sich die beiden dem Amtsdistrikt näherten war Hikari überwältigt vom scharfen Kontrast zum Stadtkern. Sie beschrieb alles dem immer noch blinden Kenshin. Der Bezirk war wie ein riesiger Park gestaltet, den ein Fluss in künstliche Inseln teilte, die durch kunstvoll angelegte Brücken verbunden waren. Auf den Inseln befanden sich kunstvoll angelegte Vivarien und Terrarien. Die Hochhäuser des Bezirkes bestanden aus einem den beiden unbekannten Material, das sowohl Eigenschaften von Holz, als auch Stahlbeton aufwies. Die umhereilenden Menschen wirkten auf die junge Nova alle „wie aus einem Guss“ und schon fast „zu perfekt“ gestyled und zielstrebig.

Als die beiden, geführt von einem tragbaren Navigationsgerät, an ihrem Ziel angekommen waren, betraten sie ein dreistöckiges Hochhaus. Durch eine beinahe schon organische wirkende Tür und fuhren mit einem Aufzug, der an die Knospe eines Baumes erinnerte, ein Stockwerk in die Höhe. Dort angekommen standen sie zuächst vor dem Mannshohen Hologramm eines Kopfes, der sie freundlich begrüßte. Hinter einem Tresen standen zwei adrett in Weiß gekleidete, junge Damen. Auf Ansprache hin antwortete eine der Empfangsdamen in akzentfreiem English und fragte, wie sie zu Diensten sein könne. Kenshin gab an Informationen über Dr. Onishi Chigiro einholen zu wollen. Was die Dame, nachdem sie auffallend schnell an einem Terminal einige Eingaben gemacht hatte und dabei mit schnellen sich hinund herbewegenden Augen suchte, mit der Bitte in der Warteecke Platz zu nehmen beantwortete.

Hikaris merkwürdiges Gefühl, dass hier alles etwas zu perfekt war, verstärkte sich. Die beiden setzten sich auf die schneeweißen Ledersessel und warteten nur eine kurze Zeit, als schon eine strengfrisierte sehr förmlich gekleidete Dame aus einem der Gänge zielstrebig zum Tresen steuerte. Sie erkundigte sich bei der Empfangsdame nach dem Grund für die Anfrage nach dem Professor. Dabei benutzte sie die Anrede "Einheit 17". NAchdem die Empfangsdame ihr Bericht erstattet hatte, gab die Beamtin den verbalem Befehl in Wartemodus zu gehen und ging zur Warteecke hinüber.

Unterdessen tischte Kenshin der Vorgesetzten eine herzergreifende Geschichte über den verschollenen Bruder seiner verstorbenen Mutter und einer Erbschaft auf, was zumindest ein wenig Mitgefühl in der strengen Dame weckte. Hikari sah nun ihre Chance und versuchte dieses Gefühl zu verstärken. Was ihr gelang, jedoch in einem so unerwartet erfolgreichen Maße, das die Beamte beinah zusammenbrach. Wie immer, wenn sie ihre Kräfte einsetzte, wurde auch der Soldat von diesem Effekt erfasst und schon bald weinten beide, wobei Kenshin sich in seinem Mitgefühlsrausch bemühte die Dame zu trösten, während diese ganz in ihrem eigenen Mitgefühl versank und ihm helfen wollte.

In Folge von diesem starken Effekt, den Hikaris Kräfte auf die Beamtin hatten, schaltete mit einem weiteren verbalem Befehl alle Androiden und das Hologram ab. Dann suchte manuell alle nötigen Akten heraus, druckte sie und übergab sie den beiden Atarashi Koka. Sie bat darum, dass diese sie lesen sollten, dann aber vernichten sollten. Denn sie setzte ihre eigene Karriere und mehr damit aufs Spiel. Da Kenshin immer noch heruntergefahren und damit komplett blind war, überflog Hikari das Material und merkte sich die Adressen, wegen der sie hergekommen waren.

Dr. Onishi Chigiro war offenbar ein Mündel des Staates, arbeitete bei der Mihei Corporation im Norden der Stadt, und lebte in der bereits vermuteten Gated Community.

Mit den so gewonnenen Informationen machten sich die beiden davon, verfolgt von verzweifelten Schluchzen der Beamtin.

Hikari war von der erneut extrem ausgefallenen Auswirkung ihrer Kräfte tief erschüttert. Still trat sie neben Kenshin, der noch immer im Mitgefühl für die Beamtin gefangen war, in den Aufzug. Sie, die vorher aufgeregt und fröhlich dem Blinden alles beschrieben hatte, sprach nun kaum ein Wort, was der noch immer etwas mitfühligeKenshin natürlich bemerkte. Als er sie bat ihm zu sagen was denn los sei, wies sie ihn sehr deutlich ab, was ihn jedoch nicht daran hinderte noch einige weitere Male nachzufragen. Dieses untypisch japanische und in ihren Augen extrem aufdringliche und unverschämte Verhalten veranlasste die junge Japanerin sich noch mehr zurückzuziehen.

Identitätskrise 2.0

Manuel und Esther waren in der Zwischenzeit zum Arbeitsplatz des Professors gefahren. In der Straßenbahn hatte Esther einen jungen Mann mit auffällig perfekter Haut bemerkt, welcher sie scheinbar verfolgte. Doch sie war sich nicht sicher und so behielt sie ihren Verdacht zunächst für sich.

Die beiden liefen zu ihrem Zielgebäude und bevor sie es betraten untersuchte Manuel es auf Quantensignaturen. Tatsächlich fand er auch eine, die ziemlich sicher zu Dr. Chigiro gehörte. Diese war jedoch schon einige Tage alt. Er war hier gewesen, aber es schien nicht sein regulärer Arbeitsort zu sein.

Sie standen noch vor dem Gebäude, als Esther von jemandem angerempelt wurde. Bevor sie ihn ansprechen konnte war er aber bereits in der Menge verschwunden, was sie dann doch veranlasste Manuel über den Beobachter aus der Bahn zu informieren. Der Filipino scannte die Umgebung auf Quantenebene und bemerkte die Quantensignatur eines anderen Nova unmittelbar hinter ihnen. Der Signatur nach beherrschte der Nova die Manipulation von Licht und Schatten - jedoch anders als O'Kage, Telepathie, Flugfähigkeit und noch ein paar andere Dinge.

Grade als Esther sich umdrehte um einen Blick auf den anderen Nova zu erhaschen, hörte sie eine leise Stimme neben ihrem Ohr und eine Person - männlich, schlank, hochgewachsen in einem schwarzen Anzug - tauchte wie aus dem Nichts neben ihnen auf: "Was machen zwei Agenten von T2M auf chinesischem Grund und Boden? Erklären sie ihre Anwesenheit!" Esther war verwirrt und nicht geistesgegenwärtig genug, also entgegenete sie nur mit einem wenig intelligenten "Hä?"

Ein geistiger Anrempler von Manuel rüttelte Esther wach und sie stieg auf das Spielchen vom Fremden ein. Esther gab sich gewohnt großmäulig und war nicht bereit, Informationen preis zu geben. Nach einem kleinen verbalen Schlagabtausch hieß ihnen der Fremde, ihn auf den Parkplatz zu begleiten, schließlich würde man sowas nicht unter Leuten besprechen.

Manuel und Esther folgten ihm. Der Mann stellte sich als Chen Dao vor, Mitarbeiter des Staatsschutzes der Volksrepublik China. Er wiederholte seine Frage nach dem Grund ihrer Anwesenheit und verlangte nach einem Nachweis ihrer Identität. Da Esther schon Ausweise von T2M gesehen hatte, konnte Manuel geistesgegenwärtig zwei falsche Ausweise aus Esthers Erinnerung nachbilden, die sie Chen Dao zeigten. Dieser schien vorerst zufrieden. Nach einigem Hin und Her verlor Chen Dao die Geduld und stellte Manuel und Esther ein Ulitmatum: er ginge jetzt eine Zigarette rauchen und spazierte einmal um den Parkplatz. Wenn er wieder zurück wäre, verlangte er Antworten auf seine Fragen, oder Manuel und Esther würden auf unbestimmte Zeit hinter Gittern landen.

Während Chen Dao seine Runde drehte beratschlagten Esther und Manuel gedanklich, wie sie nun weiter vorgehen wollten. Eshter spielte mit dem Gedanken, Chen Daos Gedanken zu löschen, hatte aber Zweifel, ob diese Aktion von Erfolg gekrönt sein würde. Schließlich war der Mann selbst Telepath. Manuel gab zu bedenken, dass eine Kooperation mit dem Staatsschutz vermutlich nicht die schlechteste Alternative wäre, immerhin konnten sie jede Unterstüztung brauchen. Man einigte sich also darauf, Chen Dao mit ein paar mehr Infos zufriedenzustellen.

Chen Dao wollte wissen, was Team Tomorrow in China machen würde und zu welchem Team sie gehörten. Insbesondere wollte er wissen, warum sie sich vor dem Gebäude einer Firma aufhielten, die mit der Mihei Corporation in Verbindung stand. Diese stand nämlich laut seiner Aussage gerade unter Beobachtung des Staatsschutzes, da es vermutete Verbindungen von Teilen der Firma zu einer terroristischen Vereinigung gab.

Manuel sah hier eine Chance, eine Brücke zu schlagen, daher kommentierte er diese Aussage mit "Diese verdammten Schlangen!", was genau die gewünschte Reaktion hervorrief: Chen Daos Kopf ruckte herum zu ihm, und er wollte wissen, was die beiden Agenten wussten.

Esther griff den Punkt gerne auf und erklärte, dass auch sie hier seien, um terroristische Handlungen zu untersuchen und eine Spur eben zu diesem Ort führte. Nach kurzer mentaler Rücksprache mit Manuel wählte sie eine Geschichte, die sehr nah an der Wahrheit lag und erklärte, um wen es genau ging. Chen Dao konnte oder wollte das nicht glauben, da Dr. Onishi Chigiro keinen Grund haben würde, so zu handeln. Also erklärte Esther, dass er mit dem Wohlergehen seiner Familie erpresst werden. Dabei ließ sie jedoch offen, wer es war, der die Erpressung durchführte, da dies eindeutig in Richtung Nippon gewiesen hätte.

Chen Dao fragte noch mehrere Male nach, wer genau die beiden geschickt hatte, wer sonst noch zum Team gehörte, und warum Manuel so wenig sagte. Aber die Antworten Esthers und auch die eine Antwort Manuels waren wenig aufschlussreich für ihn. Irgendwann führte das Gespräch nicht mehr wirklich weiter, und so gab Chen Dao zu verstehen, dass er für den Moment die Vorgänge nicht an seine Vorgesetzten weiterleiten würde. Aber er verlangte, am nächsten Tag das komplette Team zu treffen. Als Treffpunkt für das Gespräch setzte er das Museum für Altertümer an - ironischerweise einer der Notfalltreffpunkte des Teams.

Esther und Manuel verließen den Ort des Zusammentreffens mit einem unguten Gefühl in der Magengegend. Sie konnten sicher sein, dass sie von jetzt an bis zum morgigen Tag um 16 Uhr permanent unter Beobachtung stehen würden.

Nachbesprechung im Hafenrestaurant

In der Zwischenzeit hatte Hikari einmal Kontakt zu Esther und Manuel aufgenommen und hatte erfahren, dass etwas nicht stimmte. Viel mehr hatten die beiden zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht gewusst und während des Gespräches mit Chen Dao war ihre komplette Konzentration auf eben dieses gerichtet gewesen.

Besorgt hatte Hikari daraufhin Hidana angerufen und informiert und dieser hatte sich auf den Weg gemacht, den beiden im Notfall beistehen zu können.

Nach Ende des Gespräches konnten aber zumindest die akuten Sorgen beschwichtigt werden und es wurde ein Treffen vereinbart. Der Ort war das vorher vereinbarte Restaurant. Da zu befürchten war, dass sie beobachtet wurden, sollten die Diskussion mental geführt werden und man an verschiedenen Tischen sitzen.

Entsprechend trafen alle auch in den bereits vorher gebildeten Gruppen, bzw. in Hidanas Fall alleine, ein. Das Restaurant lag im obersten Stockwerk eines Industriegebäudes am Aluminiumhafen. Es waren bereits viele Gäste anwesend. Auch die Anzahl der Ausländer war hoch genug, dass sie hier nicht besonders auffallen würden.

Esther spielte Relais für Hidana und alle berichteten erst einmal von den bisherigen Erkenntnissen. Sie waren auf jeden Fall am richtigen Ort, Dr. Onishi Chigiro war in der Stadt, wurde jeden Tag von dort zu seinem Wohnsitz im abgeschotteten Viertel und zurück eskortiert. Auch die Adresse seine Familie hatten sie. Soweit, so gut.

Zuletzt schilderte dann Esther die Begegnung mit Chen Dao und das Treffen am nächsten Tag, das dieser verlangt hatte.

Es war klar, dass man ihn nicht versetzen konnte, wenn die Mission nicht abgebrochen werden sollte. Also stand zu allererst diese Entscheidung im Raum. Aber schnell wurde einstimmig beschlossen, weiterzumachen. Aber die Verbindung zu Nippontai sollte für Chen Dao nicht zu einfach herstellbar sein, daher würde Kenshin, der mit seiner Blindheit und der entsprechenden Aberration nicht am Treffen teilnehmen und somit nicht als Teil des Teams erscheinen. An seiner Stelle sollte Hidana teilnehmen. Dieser stand nicht in offizieller Verbindung zu Nippontai und Kenshin schlug sogar vor, dass er ja auch ganz offiziell als Elite vorgestellt werden könnte. Esther gab jedoch an, sich sicher zu sein, dass Team Tomorrow niemals Elites für eine solche Mission einsetzen würde, daher lehnte sie den Vorschlag nach einer kurzen aber heftigen Diskussion mit Kenshin ab.

Eine neue Bleibe

Zuletzt wurde noch beschlossen, in ein anderes Hotel zu wechseln. Zum einen, da Chen Dao die Ausweise von Manuel und Esther gesehen hatte und somit das bisherige Hotel sicherlich überwacht würde. Der wichtigere Grund - denn auch das neue Hotel würde schnell gefunden werden - waren die kleinen Mitbewohner im Teppich, die man nicht mehr wiedersehen wollte. Also wurde ein Hotel einer höheren Preislage gewählt und in dieses gewechselt.

Dort angekommen bot Manuel per mentalem Kontakt Hikari an, so gut er konnte bei der Bewältigung der Situation zu helfen. Auch er hatte vor nicht allzu langer Zeit damit gehadert, was er mit seinen Kräften anstellen konnte. Hikari lehnte das Angebot jedoch dankend ab.

Einflüsterungen

Später am Abend, als alle in ihren Zimmern zur Ruhe kamen, besorgte sich Esther zwei Gläser und eine Flasche "Donny Walker" aus der Hotelbar und machte sich auf um mit Hikari zu sprechen. Diese war in tiefer Mediation versunken, um ihr innerliches Gleichgewicht wiederherzustellen. Erst nach mehrmaligem Klopfen und Rufen machte Hikari ihrer Keigun Chosa auf und ließ sie ein. Die beiden begannen ein Gespräch über das Geschehene. Hikari beschrieb ihrer Vorgesetzten und Freundin ihr inneres Dilemma, wie negativ sie über die Auswirkungen ihrer Kräfte dachte und wie sehr sie ablehnte "soetwas" zu tun. Esther riet ihr, die Kräfte nicht einzusetzen, wenn es sie so belastete und bot ihre Hilfe als Freundin an um den Konflikt zu lösen. Hikari lehnte dies mit der Begründung ab, dass nur sie diese Entscheidung treffen und ihr dabei niemand helfen konnte. Dann bat sie darum allein sein zu dürfen.

Nachdem die Keigun Chosa das Zimmer verlassen hatte, starrte die junge Japanerin zunächst mit leerem Blick auf das Glas vor ihr.

Erst war es nur ein Windhauch, der vielleicht durch das geöffnete Fenster kam, dann aber wurde es zu einem warmen Gefühl eines Handrückens, der über ihre Wange und Schläfe strich. "Zaudere nicht ob deiner Kräfte. Ich weiß, wie Du Dich fühlst. Auch ich habe Dinge getan, die mich erschüttert haben. Auch ich habe schreckliche Taten begangen. Doch es ist das Ziel, das Du im Auge behalten musst. Du bist dabei, deine Flügel zu entfalten und deine Larve hinter Dir zu lassen."

Nur in der Reflektion der Fensterscheibe sah sie eben jenen ungeheuer machtvollen Nova, den sie das erste Mal auf der Vulkaninsel gesehen hatte. Divis Mal. Er kniete auf einem Knie, ein Bein aufgestellt, neben ihr, das Haupt mit den flachsblonden Haaren neben ihrem Kopf, in die gleiche Richtung wie sie blickend. Das kräftige Rot seines wie durch einen unsichtbaren Wind wehenden Umhangs, das prächtige Gold seines gehämmerten Brustharnischs wirkten trotz der unscharfen Reflektion wie aus purer verfestigter Realität geschaffen.

"Wenn wir uns verändern, verstehen wir die Welt um uns herum oft nicht. Damit geht Schmerz und Angst einher. Es ist richtig so. Denn nur wenn Du die Angst kennst, kannst Du über sie hinaus wachsen. Denn in Dir ruht mehr. Du bist eine Göttin, deren Geburt erst vor Kurzem geschehen ist. In Dir ruht unermessliche Kraft und Du wirst lernen, sie zu nutzen. Sie verantwortungsvoll für eine neue Welt einzusetzen, den Weg für die Zukunft bereiten. Rückschläge werden Dich ermutigen. Und auch wenn sie Dir Angst machen und Du diese Angst auch ausleben sollst - denn nur aus ihr erkennst Du dich selbst - wirst Du an ihnen wachsen."

Hikari blickte in die Richtung, wo sie Divis Mal in der Reflektion sah, aber in der Realität war dort nichts. "Was, wenn ich versage? Was, wenn ich vernichte, statt zu erschaffen? Ich bin doch selbst noch ein Kind."

Seine Stimme war ruhig, zärtlich, tröstend und voller Wärme. "Aber passt nicht die große Schwester auf ihre kleinen Geschwister auf und nimmt die Rolle der Mutter ein, wenn diese im Krieg starb? Es werden jene an deiner Seite stehen, die Dir Sicherheit geben. Besinne Dich auf deine innere Göttin und umarme ihr Konzept, ihr Dasein. Wachse! Klage, wenn es angebracht ist, trauere, wenn es nötig ist, aber brenne heller, jeden Tag."

Hikari blickte immer wieder zur Reflektion, zu ihrem Glas, zu der Stelle, wo der verfluchte Gott knien sollte. Dann verändert sich der Inhalt des Whiskeyglases und nahm eine tiefgoldene Färbung hin, süße und zugleich herbe Düfte stiegen auf und erfüllten den Raum mit einer unausgesprochenen Verlockung.

"Ambrosia, der Nektar der Götter. Ein Trunk, der einer Göttin gebührt. Trinke und genieße und ruhe. Schlafe. Ich werde dafür sorgen, dass Du ungestört bist und Dich erholen kannst. Du wirst deine Kräfte brauchen und deine Freunde brauchen Dich. Genieße und lebe in vollen Zügen, Göttin. Und vergiß nicht. Du bist nie allein. Ich werde immer da sein!"

Sie griff zum Glas und nippte vorsichtig, die Wonne der Explosion auf ihren Geschmacksknospen und der Wärme in ihrer Kehle überrannten sie. Sie schloss die Augen kurz zum Genuss. Als sie die Augen wider öffnete, war sie wieder allein im Raum. Nur der Wind zupfte an den Vorhängen der Fenster.

Nach einer Weile legte sie sich hin und fiel in einen wundervollen erholsamen und heilenden Schlaf.

Nebenan saß Manuel in seinem Zimmer am Computer und verfasste gerade seinen Bericht für Nippontai. Er hörte eine leise Stimme die nur einen Satz flüstert. "Du bist nicht mehr allein!"

Anerkannte EP: 3

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